Politische Entwicklungen in China wurden in den letzten Monaten oft als Erklärung für Bitcoin-Preisentwicklungen herangezogen. Der Zusammenhang wird jedoch überschätzt. 

Ende Oktober gewann Bitcoin innerhalb weniger Stunden fast 25% an Wert – kurz nachdem der chinesische Präsident Xi Jinping sich positiv gegenüber den Zukunftsaussichten der Blockchain-Technologie geäußert hatte. Letzte Woche sank der Wert der führenden Kryptowährung um fast $1.000 und Marktbeobachter machten vor allem eine Aussage der chinesischen Zentralbank für den plötzlichen Kurssturz verantwortlich, denn sie wolle in Zukunft stärker gegen illegale Bitcoin-Transaktionen vorgehen. 

Schenkt man diesen Analysten Glauben, dann wird der Ton auf dem Krypto-Markt in China vorgegeben. Tatsächlich hat das Reich der Mitte zwar eine gewisse Marktmacht. Trotzdem scheint der Zusammenhang zwischen politischen Entwicklungen in China und Bitcoins Preisschwankungen stark übertrieben.


China und Bitcoin: die Fakten

Der Handel mit Bitcoin wurde in China 2017 offiziell verboten. Vor dem Verbot wurden 90% des weltweiten Bitcoin-Handelsvolumens in China aufgezeichnet. Mit dem Verbot hat sich das jedoch schlagartig geändert. Heute weiß niemand so genau, in welchem Maße Bitcoin in China wirklich gehandelt wird, denn es gibt keine offiziellen digitalen Börsen und damit keine verlässlichen Aufzeichnungen. Schätzungen zufolge stammen ca. 10% des weltweiten Handelsvolumen aus China. 

Viel wichtiger als das Handelsvolumen sind jedoch Chinas Bitcoin Mining-Aktivitäten. Ca. zwei Drittel des weltweiten Bitcoin Minings stammen aus China. Damit bestimmen chinesische Miner das globale Bitcoin-Angebot maßgeblich. 

Der chinesische Bitcoin-Markt ist also durchaus groß genug, um einen Einfluss auf den Preis zu haben, insbesondere, wenn man sich die geringe Marktliquidität vor Augen führt. Trotzdem ist der Markt zu klein, um die Preisentwicklung der führenden Kryptowährung alleinig zu dominieren.


Politische Aussagen aus China werden überschätzt

Dazu kommt, dass politische Ankündigungen aus chinesischen Regierungskreisen wohl kaum einen Einfluss auf das Bitcoin-Handelsvolumen haben werden. Aufgrund des Verbots findet der Großteil des Handels ohnehin außerhalb der Kontrolle chinesischer Behörden statt. „Härteres Vorgehen“ der chinesischen Zentralbank wird also nicht unbedingt Wirksamkeit entfalten.

Die Frage ist auch, wie „hart“ dieses “härtere” Vorgehen wirklich sein wird. Bitcoin wird weder in China noch sonstwo weitläufig als Zahlungsmittel genutzt und stellt damit keine Konkurrenz für eine staatseigene digitale Währung dar. Chinesische Bitcoin-Investoren sehen digitale Währungen auch nicht als politische Instrumente an, um das Regime in Frage zu stellen, sondern als spekulative Assets, die überdurchschnittliche Renditen versprechen. 

Damit stellt Bitcoin für die Regierung keine wirkliche Gefahr dar und die digitale Währung wird auch in Zukunft eher wenig Aufmerksamkeit vonseiten chinesischer Beamter genießen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass einige dieser Beamten selbst in Bitcoin investiert sind. Die Währung eignet sich nämlich unter anderem auch dazu, Geld unbehelligt außer Landes zu schaffen, was insbesondere auch in Regierungskreisen eine gewisse Bedeutung hat.

Auch im Hinblick auf chinesische Mining-Aktivitäten wird China den Hahn auf absehbare Sicht nicht zudrehen. Im Gegenteil: Die chinesische Regierung hat erst letzten Monat die heimischen Mining-Farmen von ihrer schwarzen Liste genommen. 


Bitcoin-Preisschwankungen basieren selten auf fundamentalen Daten

Der angeblich Zusammenhang zwischen politischen Entwicklungen in China und dem Bitcoin-Preis ist der Versuch, einen fundamentalen Grund für die Preisentwicklung digitaler Währungen zu finden. Die Realität ist aber, dass Bitcoin aufgrund der niedrigen Liquidität heute noch immer ein hochgradig spekulatives Asset ist und die Preisfindung deshalb oft nicht auf fundamentalen Werten basiert.

Frank Wagner, CEO des Blockchain Investment Managers INVAO, kommentiert: „Institutionelle Investoren nutzen die geringe Liquidität des Krypto-Marktes, um durch die Platzierung großer Order den Bitcoin-Preis zu manipulieren und dann von Derivate-Positionen mit Bitcoin als Basiswert zu profitieren. Diese Spekulationen beeinflussen den Bitcoin-Preis weitaus mehr als politische Entwicklungen in China.“

Das entspricht wohl eher der Realität. Anleger sollten den Zusammenhang zwischen chinesischer Politik und der Bitcoin-Preisentwicklung also nicht überschätzen.